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Kolumbien: Plata o Plomo – Der Narcos Tourismus

Wie die Fernsehserie „Narcos“ den Tourismus in Medellin ankurbelt

 

Kolumbien ist nicht nur nach dem Friedensschluss mit der FARC Guerilla und der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Präsidenten des Landes in den Listen der trendigsten Reiseländer auf den vorderen Plätzen.

Kolumbien hat tasächlich einige sensationelle Sehenswürdigkeiten zu bieten – einsame Strände, koloniale Altstädte, Geschichte und Kultur satt, den Amazonas, den Regenwald, Wüsten und Seen, und eine in den Bergen gelegene Hauptstadt.

Dazu Charmante Einwohner, gutes Bier und das alles verwoben in südamerikanische Musik, Kultur, Mentalität sorgen für ein wirklich überzeugendes Gesamtpaket. In der Tat, Kolumbien ist ein sehr lohnenswertes und angenehmes Reiseland, wie ich auch jüngst selbst feststellen durfte (siehe meinen Amazonas Trip).

Zur Popularität des Landes trägt allerdings nicht zuletzt die Netflix Serie Narcos bei, welche das Leben des kolumbianischen, aus der Stadt Medellin stammenden Gangsters und Drogenhändlers Pablo Escobar, schildert.

Es ist nicht das erste Mal, dass Fernsehserien bzw. Produkte der Popkultur einen Tourismusboom dem Spiel- bzw. Drehort bescheren.

So profitiert Neuseeland von „Herr der Ringe“, aber schon der Schwarzwald und das dortige Glottertal erlebte einen Besucheransturm mit dem Erfolg der deutschen TV-Serie „Schwarzwaldklinik“. (Mittlerweile gibt es Webseiten und Reiseveranstalter, die auf diese Art von Tourismus spezialisiert sind, z.B. movie-locations, aber auch einen sehr erhellenden Beitrag in Wikipedia zum Phänomen des „pop culture tourism„).

Narcos spielt in Medellin, Kolumbien, und wird dort grösstenteils auch gedreht. Die Serie  ist dem Genre des Gangster- bzw. Polizeifilms zuzuordnen – die eigentlichen Protagonisten und Erzähler sind allerdings zwei Agenten der US-Amerikanischen Behörde DEA.

Dem Genre des Gangsterfilms verdankt Narcos filmischen Stil, Narrativ, Format und Mythologie.

Narcos ist ein klassisches Genreprodukt: Gangsterfilm

 

Die Serie ist im Stil von Filmen wie „Good Fellas“ und „Casino“ gestaltet, und ich frage mich, ob nicht einige filmische Elemente aus dem Universum von Martin Scorsese seinen Namen tragen sollten. So z.B. das Einfrieren eines Bildes inmitten der Handlung bei gleichzeitiger Weiterführung der Story per Voice Over durch den Erzähler. Oder das Wechseln der Zeitebene, die losgelöste Kamera, das Schwelgen in Kolorit, Atmosphäre, Tönen, Kultur und Worten einer vergangenen Epoche.

In diesem Fall den späten 1980er und frühen 1990er Jahren.

Narcos ist nur in erster Linie die action- und gewaltreiche Saga des Drogenkönigs Escobar, welcher von Forbes jahrelang in der Liste der reichsten Männer der Welt geführt wurde, zusammen mit den üblichen Wirtschaftsbossen und altem Geldadel.

Was wiederum nur die alte These bestätigte, dass Gangster in erster Linie sehr konsequente Kapitalisten sind, und den Kapitalismus lediglich mit direkteren und offensichtlich kriminellen Methoden leben. Das hat Forbes (unfreiwillig?) mit der Aufnahme des Verbrechers in die Liste der Reichen eigentlich nur bestätigt.

Aber Gangster sind auch popkulturelle Ikonen – und so schöpft die Serie Narcos als auch die Stadt Medellin aus diesem Umstand. Ob ihr das gefällt oder nicht. (Man könnte dieses Phänomen auch „Obersalzbergtourismus“ nennen.)

Der Gangster als negative Ikone

 

Pablo Escobar, der tausendfache, absolut skrupellose Verbrecher ist so etwas wie Pop geworden. Der bekannteste Kolumbianer. Früher war das ein Literatur Nobelpreisträger namens Gabriel Garcia Marquez. Heute ist es ein Schwerverbrecher wie Pablo Escobar. (Siehe dazu auch den klassischen Essay von Robert Warshow „The Gangster as tragic hero“ sowie „Die negative Ikone“, ein Essay von mir über die ikonographischen Wurzeln des Gangsterfilms. Donald Trump kommt auch drin vor!)

Narcos hat die Popularität und filmische Attraktivität des Gangsters Escobar sehr gut verstanden: Seine Widersprüchlichkeit (familiy man vs. mobster), seine Amoralität und Gefühllosigkeit, seinen Robin-Hood Duktus und sein Neureichentum. Das alles sind bekannte und bewährte Motive des Genres Gangsterfilm.

Der Gangster ist aus Publikumssicht die spannendere Rolle, vielleicht die Hauptrolle, das erzählerische und emotionale Zentrum von Narcos, ob man das gut findet oder nicht. Narcos ohne Don Pablo würde nicht funktionieren.

Gegenüber dem facettenreichen Verbrecher sind Polizisten und Politiker rein erzähltechnisch, mytholgisch, ihr popkulturelles Momentum und ihre Sexyness betreffend, immer im Nachteil.

 

War on Drugs: Der Gangster als Kapitalist mit anderen Mitteln

 

Bereits in der Reagan Administration und dann auch während der Amtszeit seines Nachfolgers George Bush Sr. riefen die USA verstärkt den „War on drugs“ aus, internationalisierten diesen und erkoren Kolumbien als eines der unmittelbares Kampffelder. Warum? Weil Escobar und sein Medellin Kartell insbesondere Kokain in industriellem Maßstab herstellte und generalstabsmäßig aus Kolumbien in die USA transportierte.

Oder anders ausgedrückt: Die Funktionsweisen von Globalisierung und Internationalisierung von Märkten wurde im Wesentlichen mit einem Produkt wie Kokain erschlossen. Angebot und Nachfrage. Hersteller und Abnehmer. Marktanteile und Produktkosten, Marge und Cashflow, Outsourcing und suppyl chain.

Im Prinzip hat das Medellin Kartell diese Regeln erkannt und bedient, den US – Markt erschlossen und sich wesentliche Marktanteile durch eine geschlossene Lieferkette und ein überzeugendes Produkt erarbeitet. Diese im Besitz des Kartells befindliche supply chain sorgte bei geringen Produktionskosten und gleichbleibend teurem Endpreis für einen hohen Profit.

Die stetige steigende Nachfrage nach dem Produkt für eine über die Jahre kontinuierliche Steigerung der Produktion als auch einen gleichbleibend hohen Endpreis. Und das alles mit einem 100%igen Cashflow, und einer Aufteilung des Marktes mit seinen Mitbewerbern, zum Vorteil aller Marktteilnehmer.

Für mich eine der wirklich spannenden Fragen, und das müsste mir auch mal erklärt werden bzw. wer weiß darauf Antworten: Wieso ist die Nachfrage nach Kokain eigentlich so hoch? Wodurch wird sie genährt? Funktionieren die westlichen Gesellschaften nur noch unter Zuhilfenahme von Drogen? Und wieso sind einige sehr schädliche Drogen erlaubt (Alkohol, Zigaretten), andere aber nicht? Auf diese Fragen hatte der war on drugs nie eine überzeugende Antwort.

Wie auch immer, der Tourismus in Medellin und Umgebung erfährt einen ungeahnten Aufschwung. Pablo Escobar Touren besuchen seine alte Ranch ausserhalb der Stadt (jetzt eine Runine), das Gefängnis, das er für sich selbst baute, und die anderen Orte der Escobar Story: seine Wohnhäuser, Drogenlabore etc, das Haus, dort wo er erschossen wurde von der Polizei, der nach ihm benannte Statdtteil etc.

Das Interesse an seiner Person scheint grösser als je, allein auf youtube gibt es Dutzende von Videos über die Touren, Don Pablo selbst, seine Flusspferde.

Flusspferde? Genau.

Eine weitere Attraktion sind die Flusspferde von Escobar: Aus dem Garten seiner Ranch ausgebrochen, vermehren sie sich ungehindert und besiedeln mittlerweile sogar den Rio Magdalena. Noch ist unklar, wie die Behörden mit diesen Neozoon umgehen werden. Fest steht, auch deshalb kommen Touristen – um Don Pablos Hippos zu sehen.

 

Weiterführende Links und Videos:

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DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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