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Reiseliteratur: Unterwegs mit Politycki, Bryson, Wulf und am Mittelrhein

Reiseliteratur: Lesetipps für unterwegs.

 

In meinem letzten Blogbeitrag zum Thema „Reiseliteratur“ hatte ich quasi Standardwerke von den momentan für mich wichtigsten Reiseschriftstellern Paul Theroux, Helge Timmerberg und Andreas Altmann empfohlen.

Jetzt ist es mal wieder an der Zeit, spannende Reiseliteratur für euren anstehenden nächsten Trip in die Ferne zu sichten. Diesmal dabei: Werke von Matthias Politycki, Bill Bryson,  Andrea Wulf und einem Reise- und Naturführer für das Mittelrheintal.

Reiseliteratur für unterwegs

Reiseliteratur: Politycki, Bryson, Wulf. Lesen unterwegs.

Matthias Politycki: Schrecklich Schön. Warum wir reisen und was wir dabei denken.

 

Ein überraschendes, unterhaltsames, dennoch gelehrtes und obendrein höchst kurzweiliges Werk eines Autoren, der sich selbst nicht als Reiseschriftsteller bezeichnet.

Welcher aber dennoch in mehr als 100 Ländern dieser Welt war, und das vorliegende Buch eigentlich als seinen „Abschied vom Reisen“ sehen möchte. „Warum wir reisen“ , diese Frage zu beantworten unternimmt Matthias Politycki auf mehr als 340 Seiten, letztlich findet er für sich, nach Rekapitulation seines Travellerlebens, eine Antwort am Ende des Buches.

Bis er dort anlangt, diskutiert er gekonnt die klassischen Fragen eines jeden Reisenden seit Heinrich dem Seefahrer: Was zieht uns in die Ferne, was erwarten wir dort, mit was und vor allem wem werden wir vor Ort konfrontiert, und wenn wir zurückkommen, haben wir uns verändert, oder sind wir geblieben, wer wir waren, vor der Abreise? Was macht die Fremde mit uns, und was machen wir eigentlich in der Fremde?

Anders als Paul Theroux, den der Autor des Öfteren zitiert (no busco nada – ich suche nichts) sucht Politycki Sinn und Grund seiner Reisen: „Der Reisende ist der Suchende per se – und was er auf seiner Suche auch findet, es spornt zur weiterer Suche an.“

Darüber bin ich mir nicht sicher, muss ich entgegnen, und halte es mit Theroux. Kann man nicht auch um des Reisens willen reisen – einfach so? Nicht auf Sinnsuche zu sein, entspannt ungemein.

Doch „Schrecklich schön“ ist alles andere als belehrend, dröge oder so, als ob man die üblichen deutschen Literatenlangweiler und Feuilletonlieblinge beim Länderabhaken begleiten müsste.

Für Politycki ist sein Reisebuch auch ein Spiel, eine freudige literarische und autobiografische Fingerübung des Schriftstellers, und kokett listet er seine tollsten Reiseerlebnisse auf, konterkariert durch seine grössten Reinfälle, und erfreut die Leser ironisch mit Bestenlisten, Abhaklisten, been there, done that.

Was mich an das schöne Sprichwort erinnert: Like all great travellers, I have seen more than I remember, and remember more than I have seen.

Für mich als Reiseblogger spannend: Politycki und ich haben viel gemeinsam. Nicht nur, dass wir eher älter sind. Und das Reisen noch aus dem Pre-Internetzeitalter kennen, als man ohne irgendeine Ahnung noch Reservierung an einem Bahnhof oder Flughafen in the middle of nowhere ankam, und schon auf der Suche nach dem Hotel für die erste Nacht Abenteuer erlebte, wie sie sich die YouTube Generation kaum vorstellen kann. Und man dann später darüber nachdachte, was schiefgelaufen war, wie man besser wird, härter, gewitzter, organisierter.

Denn: Reisen wurde – und ist es doch auch immer noch, für Politycki als auch für mich – eine fortwährende Reflektion über den Vorgang des Reisens, als Allegorie auf das Leben an sich.

Das beginnt mit dem Spleen, wie man sein Gepäck optimiert, oder vor Ort auf keinen Fall mehr zahlt als die Einheimischen, und das ewige Vergleichen, wer wo länger war, welche Grenze schrecklicher und wer der ernsthaftere Traveller ist. All dies wird in „Schrecklich schön“ beschrieben, bedacht, analysiert und mit persönlichen Anekdoten angereichert.

Wie heisst es so treffend bei Politycki: „Das Geschäft des Reisenden hinter all seinen tagtäglichen Verrichtungen ist nichts weniger als praktische Philosophie.“

Und so schreibt er in einem entspannten Erzählton über seine vergangenen Reisen, das Nichtstun auf diesen, das sich-treiben-lassen, die täglichen Niederlagen des Reisenden, warum Reisen per se nicht glücklich macht, wie man die Erschöpfung unterwegs überwindet, wie man besser alleine oder nicht alleine verreist, und warum man in der Fremde so selten auf landestypische Vertreter der lokalen Mittelklasse trifft. Sondern meist nur auf herzlose Köberer und Gauner, sei es in Samarkand oder in Chiang – Mai.

Man möchte Politycki in einem namenlosen entlegenen Backpacker Hostel bei einem lokalen Bier treffen, und ihm zuhören, wenn er aus seinem Buch vorträgt. Der übliche Traveller – Dialog von Reisenden, die sich nicht über die billigste Busverbindung austauschen müssen: Wo kommst du her, warst du da schon, wie ist es dort, und wie kommt man hin, müsste sich mit einem wie ihm zu einem abendfüllenden unterhaltsamen Diskurs entwickeln!

Sollte Politycki eine Lesereise planen für „Schrecklich schön“, dann wäre dies meine Idee: Lesungen in Backpacker Hostels. Irgendwo ganz abgelegen, aber noch auf dem Banana Pancake bzw. Gringo – Trail. Für die youtube Generation. Und abends dann, wenn die Lesung beginnt, das WLAN im Hostel ab- und die Eistruhe mit dem kaltem Bier aufstellen.

Letztlich, was ist Polityckis Resümee, seines Reiselebens (und seines Lebens als Reise) – welches er, vielleicht etwas resigniert und ja, altersmüde, zieht: „Zuhause bleiben ist keine Lösung….Schieres Weiterreisen ist ein Akt des politischen Widerstands“.

Denn: „Mit jedem Aufbruch zu einer neuen Reise erwachen wir, …., zu einem neuen Leben.“

  • Matthias Polyticki. Schrecklich schön und weit und wild: Warum wir reisen. Erschienen im Heyne Verlag. Printversion 22 Euro, Kindle 16,99 Euro.

 

Bill Bryson: Notes from a small Island.

 

Wenn Paul Theroux einer der Reiseschriftsteller ist, die in keiner Reisebibliothek fehlen dürfen, dann gilt dies für Bill Bryson ganz genau so. Ein ähnlich präziser Beobachter wie Theroux, hat Bill Bryson einfach mehr Humor, wenn es um das Reisen im Allgemeinen und um die Menschen die man dabei trifft im Besonderen geht.

Seine wehmütige Abschiedsreise durch England, Schottland und Wales, auf dem Weg zurück in seine Heimat, die Vereinigten Staaten, inspirierte Bryson zu einer der klassischen Reiseerzählungen neuerer Zeit.

Das 1995 erschienene „Notes from a small Island“ beschreibt seine Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen in einem Land, das mindestens so liebenswert und skurril ist, wie man es in seinen kühnsten Klischeevorstellungen erwartet. Das plüschigste Land der Welt, das Vereinigte Königreich – für deutsche Journalisten als „Grossbritanien“ bekannt.

Bryson reist, und beobachtet, und verdichtet seine Erzählung zu der Charakterstudie eines Landes, seiner Bewohner, Sitten und Eigenheiten. Das ist nicht nur höchst informativ, sondern auch sehr witzig und unterhaltsam.

Wer des Englischen mächtig ist, sollte das Buch in der US-amerikanischen Originalversion lesen, dein ein Großteil des Witzes entspinnt sich aus der Differenz zwischen oldschool UK Englisch und dem eher modernen, hemdsärmeligen US – Englisch. Allein Brysons Vorliebe für seltsame englische Ortsnamen in der Provinz kann kaum einer Übersetzung standhalten. Wie heissen die Orte Titsey und Shellow Bowells nur auf Deutsch?

Das Buch wurde ein weltweiter Bestseller, und gilt auf der Insel als gelungenstes und liebevolles Werk über die Menschen und Eigenheiten des Vereinigten Königreichs. Ein moderner Klassiker der Reiseliteratur. Geschrieben von einem aus den abtrünnigen Kolonien. Gute Güte.

Mittlerweile ist Bryson wieder zurück in UK, und es gibt eine Fortsetzung: „The Road to little Dribbling“

 

Andrea Wulf: The Invention of Nature. The Adventures of Alexander von Humboldt.

 

Strenggenommen ist dies kein Reisebuch, und sollte also nicht als Reiseliteratur hier im Reiseblog aufgenommen werden.

Aber, jedes Werk über Alexander von Humboldt ist auch ein Reisebuch. Der Forscher, Wissenschaftler, Netzwerker und Geologe war auch immer ein Reisender. Nie war Humboldt glücklicher, als wenn er unterwegs war, so scheint es mir. Und Zeit seines Lebens träumte er von ferne Gestaden, der Ungebundenheit des Reiselebens, den Abenteuern des Entdeckers.

Seine Südamerika – Reise der Jahre 1799 bis 1804 hat Spuren hinterlassen, die man auch heute noch auf dem Kontinent aufspüren kann. Sei es in Trinidad de Cuba, in Kolumbien oder in Ecuador. Von Humboldt hat diese Orte und Landschaften erstmalig mit dem Auge des Wissenschaftlers, nicht des Eroberers, gesehen. Und so auf die touristische Landkarte gebracht. R war ein Reisender, einer der ersten Traveller und Touristen, als die Welt an sich schon fast vollständig entdeckt war.

Von Humboldts Verdienst geht über die Meriten des Reisenden hinaus, er ist mehr noch als Begründer der modernen Wissenschaft, als Forscher und hervorragendes Beispiel des Zeitalters der Aufklärung zu verstehen.

Das von Andrea Wulf geschriebene exzellente, spannende, brillante Werk ist nicht nur als Erzählung und Biografie über einen der wirklich großen europäischen Wissenschaftler, Forscher, Denker, Reisenden und Autor unbedingt lesenswert.

Es geht um mehr.

In einer Zeit, in der wir vergessen haben, wie dankbar wir der Aufklärung und der wissenschaftlichen Arbeit eines von Humboldt und seinen Zeitgenossen sein müssen, sind Werke wie „The Invention of Nature“ um so wichtiger.

Unermüdlich forschte und netzwerkte von Humboldt, und zeigte kraft seiner wahrlich kosmopolitischen Arbeit, wie wichtig es auch heute ist, Wissenschaft und die Liebe zur Natur über Aberglaube, Religion, Nationalismus und die Zerstörung unseres Planeten zu stellen.

Ohne von Humboldt hätte sich auch nicht Charles Darwin auf den Weg gemacht, oder Thomas Jefferson beschlossen, lieber eine Universität als eine weitere Kirche zu gründen.

Nicht umsonst heisst diese Biografie über von Humboldt „the Invention of Nature“. Denn das Zeitalter der Aufklärung ist nicht nur das Zeitalter der beginnenden Industrialisierung, es ist auch das Zeitalter, in welchem die Natur als bedroht und schützenswert empfunden wurde. In der Wissenschaft entstand, und sich der menschliche Verstand von den ideologischen und religiösen Fesseln von absoluten Staaten und dogmatischen Kirchen emanzipierte.

Es ist das Zeitalter, in der ein entstehendes Bürgertum als Gegenpol zu Adel und Kirche entstand, und den ideellen und materiellen Grundstein für unser heutiges Demokratieverständnis legte.

Mir erscheinen die Ideale der Aufklärung, für die Humboldt steht und welche er lebte, im heutigen Kampf der Vernunft gegen Fundamentalismus, Populismus, Nationalismus und die allgemeine um sich greifende grassierende Dummheit wichtiger denn je.

Deshalb von mir die inständige Bitte: Lest dieses Buch. Denkt nach. Reflektiert. Bereist die Welt auf Humboldts Spuren, neugierig, mit klarem Verstand und offenen Geistes.

Und zieht Schlüsse für euer Handeln daraus.

  • Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. 24,99 Euro gebundene Version, Kindleversion Deutsch 19,99 Euro, Kindleversion im englischen Original 7,99 Euro

 

Bruno P Kremer/Thomas Merz: Naturparadies Mittelrheintal.

 

Eigentlich ist dieses wunderbare Buch keine Reiseliteratur, sondern strenggenommen ein Reiseführer. Ich lese als Reiseblogger andauernd Reiseführer, habe auch schon selbst einen geschrieben, und müsste eigentlich viel mehr über dieses Genre, welches noch nicht mal als Sachbuch wahrgenommen wird, schreiben. Denn ein gut geschriebener Reiseführer, egal um welches Zielgebiet, Stadt, Land oder Wanderweg es geht, ist oft mehr als ein reines Sachbuch. Ein gut geschriebener Reiseführer ist Inspirationsspender, Ideengeber, Anreger, die Entdeckerlust und Neugier anstachelnd, ein Auslöser, die bekannten Pfade zu verlassen.

Ein gut geschriebener Reiseführer kann den Urlauber zum Traveller machen.

Ähnlich geht es mir mit dem Werk von Bruno Kremer und Thomas Merz, welches im Untertitel ganz banal sagt: „21 ausgewählte Erlebnistouren zwischen Rüdesheim und Bonn„.

Und dann in epischer, opulenter Breite, auf höchst interssante und anregende Art, ohne je oberlehrerhaft zu werden, das Mittelrheintal geologisch, hydrographisch, biologisch, historisch, architektonisch, zoologisch und kulturwissenschaftlich beschreibt.

So dass man zugleich die Wanderschuhe schnüren möchte und den Rheinsteig als auch die ebsche Seite des Flusses auf des Schusters Rappen entdecken möchte.

Geradezu ungläubig bestaune ich die thematische Bandbreite dieses Naturführers – und suche mir die Stellen raus, an denen ich selbst gewandert bin, und welche ich noch nicht kenne, für die nächste Wanderung am Rhein.

Der Rhein im Rheingau ist Heimat für mich, und beim Reisen geht es nicht immer um die exotische Fernreise.

Es geht um das Entdecken, und dies beginnt, mit offenem Geist, direkt an und vor jedermanns Haustür. Ein Kompendium wie das vorliegende „labour of love“ von Kremer und Merz, dessen Opulenz und Reichtum an Information wirklich toll ist, hilft dabei doch sehr!

 

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DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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