Zwei sehenswerte Fußball-Dokumentationen: Take us Home Leeds United und All Or Nothing Tottenham Hotspur

Corona Lockdown Nummer zwei, die ganze Welt dreht durch, der Winter naht, und die Fußballstadien sind in Bundesliga als auch Premier League immer noch Orte ohne Publikum. Es ist also mal wieder an der Zeit, die große Illusionsmaschine anzuwerfen und Fußballdokumentationen anzuschauen. Das kann man als Reiseblogger und Fußball-Fan sehr gut kombinieren.

Der folgende Blogbeitrag ist keine Kritik im klassischen Sinn, es ist keine Rezension, vielleicht ist es ein Serientipp, lasst es mich „Betrachtungen“ nennen!

Momentan gibt es neben der hervorragenden und in diesem Blog bereits besprochenen Netflix-Doku „ Sunderland `til I Die“ zwei weitere sehenswerte Serien bzw. Dokumentationen über Fußballklubs, nämlich „Take Us Home“ über Leeds United sowie „All or Nothing“ mit den Tottenham Hotspur. Diese beiden Programme laufen auf Prime Video und sind somit eine gute Alternative zur oben angeführten Sunderland-Doku auf Netflix.

Wer kann, sollte sich die beiden Serien unbedingt im Original ansehen und vor allen Dingen anhören, es gibt tolle Dialekte und Akzente zu entdecken. Die Sprache welche viele Leute aus Leeds bzw. Yorkshire sprechen, ist immer noch Englisch. Aber nur in Ansätzen. Dazu kommen tolle ausländische Sprecher wie Marcelo Bielsa (gar kein Englisch, nur Spanisch mit argentinischem Akzent), José Mourinho (König der Schimpfworte, in Englisch wie Portugiesisch), Victor Porta mit tollem spanischen Timbre, die Spieler aus vielen Ländern. Und Harry Kane – ich denke noch immer darüber nach, welche Sprache er eigentlich spricht…

Beide Dokumentationen beleuchten Fußball – mehr oder weniger austariert – aus drei Perspektiven: Aus der Sicht des Managements, aus der Sicht der Fans, und aus der Sicht der Spieler und Trainer. 

Aber beide Fußball-Dokus legen unterschiedliche Gewichtungen auf diese Perspektiven, was ihren ganz unterschiedlichen Reiz ausmacht.

  • Wer schreibt hier eigentlich – über Fußball? Ja, ich weiss, dies ist ein Reiseblog. DC Loew ist der Autor dieses Blogs, und ich bin auch ein großer Fußballfan. Kein Stadiongeher, aber ein leidenschaftlicher TV-Schauer und langjähriger 11Freunde/Kicker/Süddeutsche Sport Leser. Mit dem Zugang der 11Freunde zum Spiel habe ich vieles gemeinsam, aber nicht ihren romantischen, traditionellen Blick auf das den Fußball. Ich bin Real Madrid Anhänger, und in der Bundesliga halte ich es mit der Frankfurter Eintracht. Lieblingsspieler: Isco, Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos. In diesem Text werde ich zwei Fußball-Dokumentationen reflektieren. Ich werde nicht erklären, wer Harry Kane ist oder wer The Special One. Ich werde aber auch in diesem Blog nicht darüber nachdenken, was eine Hängende Neun, eine funktionierende Dreierkette oder einen guten box-to-box-player ausmacht. Oder warum die Bundesliga zur Ausbildungsliga für die Premier League wurde.

16 Jahre zweite und dritte Liga. Oder: Wo liegt Leeds noch mal?

Der Verein der Herzen der nordenglischen Stadt Leeds heißt „United“ und ging 1919 aus dem Vorgängerklub Leeds City hervor, also relativ spät für einen englischen Traditionsverein. 

Leeds hat, wie so viele der einst durch die industrielle Revolution zu Wohlstand gekommener Städte Nordenglands in der Gegend um Manchester, ihre großen Tage lange hinter sich. Die Blüte der Stadt war begründet durch Maschinenbau und die Stahlindustrie und sie war im 19. Jahrhundert, und dann ging es relativ schnell bergab, analog mit dem Niedergang von englischem Stoff und Stahl. 

Heute ist Leeds Teil der sogenannten Metropolregion West Yorkshire, welche ca. 3 Mio. Einwohner hat, in der Stadt selbst leben ca. 750.000 Menschen. Leeds ist ungefähr 300km nördlich von London gelegen, es bildet mit Manchester und Sheffield eine Art Dreieck und darin die nördliche Spitze. 

Jürgen Klopp hat in seinem Büro eine große Englandkarte hängen, was eine sehr gute Idee ist, denn wer weiß schon dass Huddersfield, Wigan, Burnley, Blackburn, Preston und Bolton im Großraum Liverpool, Manchester, Leeds liegen? Für Derbys in diese Premier League bzw. 2. Liga Spielorte kann man von Leeds aus mit dem Bus fahren. 

2004 war Leeds United aus der ersten Liga abgestiegen. In diesen 16 Spielzeiten seitdem verbrachte der Verein sogar drei Saisons in der dritten Liga, die Jahre ab 2010 dann in der zweiten englischen Liga, der Championship. 

Die EFC Championship ist ein extrem hartes Pflaster mit 24 (!) Teams, davon ein Großteil ehemalige Erstligisten. Welche alle wieder zurück an die goldenen Tröge der Premier League möchten, denn finanziell gibt es dazu keine Alternative. Die Schwierigkeit ist, dass man im Prinzip mit einem erstligatauglichen Kader und somit Etat die lange und beschwerliche Saison in Englands zweiter Liga meistern muß – „grueling“ war das Adjektiv, welches sie in „Take Us Home“ dafür gebrauchten.

Die Beispiele von Erstliga-Absteigern, welche nach dem Abgang aus der Premier-League direkt nach einem Jahr zweiter Liga in die dritte Liga durchgereicht wurden um dort zu versauern oder Pleite zu gehen, sind vielfältig. In Sunderland, Hull oder Wigan können sie darüber diverse Fangesänge anstimmen.

Copyright: Prime Video

 

In Leeds everyone’s Leeds

Die erste Staffel der Dokumentation „Take Us Home“ steigt in der Saison 2018/2019 der englischen zweiten Liga ein, in welche Leeds mit einem mehr als konkurrenzfähigem Team und soliden Aufstiegsambitionen ging.

Vorstellung der Geschäftsleitung und des Besitzers des Vereins. Auftritt Andrea Radrizziani. Dieser italienische Geschäftsmann besitzt seit Mai 2017 100% der Anteile von Leeds United. In der Zwischenzeit wurde allerdings mit der 49ers Enterprise Gruppe ein weiterer Investor mit an Bord genommen, man ahnt es schon, dieses Unternehmen besitzt die San Francisco 49ers. Aber warum auch nicht, der FC Liverpool und die Boston Red Sox gehören auch dem gleichen Besitzer. 

Die Doku-Serie verfolgt nicht den Ansatz, wie einige englische Kommentatoren ahnungsvoll dräuen, den Besitzer von Leeds United im hellen Licht des Fußballheiligen scheinen zu lassen. Es wird relativ schnell klar, daß Fußball ein Geschäft ist – die Kamera darf bei diversen board meetings dabei sein – es geht immer um Geld, weniger um das Spiel: was kosten neue Spieler, was bekommt man für abzugebende Spieler. Ähnlich wie in „Sunderland til I Die“ nimmt man dem Besitzer als auch dem Sportdirektor Victor Orta vollkommen ab, daß sie wissen wie das Geschäft finanziell funktioniert, sie aber auch  Fußball-Aficionados reinsten Wassers sind. Die Doku ist oft genug auf der Tribüne mit dabei, wenn Leeds im heimischen Stadion an der Elland Road spielt, und insbesondere Sportdirektor Orta mehr als leidenschaftlich steil geht. 

„There’s a great story here, but it’s one that takes place on the pitch and in the stands. Not the board room.“

Ich muß diesem Zitat widersprechen. Das ist die Ansicht von traditionellen Fußballromantikern, diese Art von Leuten die auf kein Auswärtsspiel in Leipzig bei RB fahren. 

Im Prinzip hat doch jede Fußball-Doku drei hauptsächliche Perspektiven, die sie einnehmen kann, und welche sich um den Fußball, das Spiel an sich, drehen: Die Perspektive der Supporter, die der Geschäftsleitung, die der Mannschaft und des Trainers. 

Sunderland til I Die“ legte den Fokus stärker auf die Geschäftsleitung, und dann erst auf die Fans, was für mich die besondere Faszination dieser Serie ausmachte. In der ganzen Serie war die Kamera kein einziges Mal in der Kabine mit dabei, während eines Spiels, und nur ganz kurz beim Training. 

Das ist bei Take Us Home anders, hier versucht man sehr geschickt, die drei Perspektiven auf das Spiel besser auszutarieren. Und ich möchte keine einzige dieser Sichtweisen missen.

Auftritt El Loco

Auftritt Marcelo Bielsa, der Trainer. Seit Juni 2018 bei Leeds United an Bord, der bestbezahlte Manager der zweiten englischen Liga, und ich wäre wahnsinnig gerne dabei gewesen, wie sie bei der Suche nach einem neuen Manager ausgerechnet auf Bielsa, bekannt als „El Loco“ – der Wahnsinnige, gekommen sind. Bei Olympique Marseille gescheitert, bei Lazio nach zwei Tagen zurückgetreten, in Lille nach totalem Umkrempeln der Mannschaft nach dreizehn Spieltagen verabschiedet, war die Entscheidung für Bielsa ziemlich mutig. Der Spitzname des Argentiniers scheint nicht unverdient. Witzigerweise spricht Bielsa in der ersten Staffel der Serie nicht direkt mit der Kamera bzw. dem Zuschauer von Take Us Home. Man sieht ihn nicht einmal. Man hört ihn nur. Auf Spanisch. Bielsa raunt Fußballweisheiten auf das Tonband, im voice over. Was ihm eine irgendwie entrückte legendäre, ikonenhafte  Fabelhaftigkeit verleiht. 

Ich bin mir nicht sicher, ob die Verehrung von Marcelo Bielsa („Bielsa is God„) in Leeds noch britisch-ironisch gebrochen ist. 

Wenn man sieht, wie akribisch in All Or Nothing Manchester City Pep Guardiola mit der Mannschaft arbeitet, und Pep ja Bielsa immer als sein Vorbild nennt, dem wird klar, warum dies so ist, wenn man beim Training von Leeds United dabei ist. 

Jeder Spieler hat einen eigenen spezifischen Fitness-Plan, ausgearbeitet bis auf den letzten Fettwert, und die offensichtliche Fitness der Leeds Jungs erinnert mich in vielem an die von Rugby-Spielern. Das Training von Spielzügen übrigens auch – das hat einiges von Rugby, oder sogar dem US-amerikanischen Rüpelspiel.

Beeindruckend, wie Bielsas Trainerteam die Leistungsfähigkeit der Truppe den Anforderungen der mehr als vierzig Ligaspiele der Championship anpasst. Faszinierend, wenn Gott auf dem Trainingsplatz Laufwege und Spielzüge trainieren läßt, wie ein American-Football-Trainer, mit Klemmbrett unter dem Arm, Anweisungen rufend, auf Spanisch. Wie ein Torero, der aus Stolz und aus Prinzip keine andere Sprache als Spanisch spricht.

Leeds United Season 2: Scheitern wegen Corona?

Jedenfalls, die erste Saison mit Bielsa wird Leeds United knapp, aber auch in typisch schrecklich-schöner Weise, nämlich in den Playoffs zur ersten Liga, vergeigen. Weil man die Saison über lange auf einem direkten Aufstiegsplatz gelegen es aber dann Leeds-typisch verkackt hat. Dieser Verein kann nur Drama. Was die allermeisten Leeds-Fans mehr als fatalistisch zur Kenntnis nehmen. 16 Jahre im Unterhaus müssen letztlich in irgendetwas begründet sein. 

Dachte ich noch, daß die Anhänger von Sunderland mit ihrer Vereinsliebe als einer Art Ersatz von religiösem Fundamentalismus nicht zu übertreffen sind, und die Serie auch oft genug Gottesdienste und Pfarrer mit Schal in den Vereinsfarben gegenschnitt um diesen Eindruck des Fußballfundamentalismus zu evozieren – ich lag komplett Falsch. Gegen die Supporter von Leeds sind die Sunderland-Treuen nicht mehr als Fußballatheisten und Klatschpappenfans. 

In Leeds hat Vereinstreue einen Grad an Wahnsinn erreicht, da gehört ein Gesichts-Tattoo tatsächlich zum Standard, scheint mir. Immer wieder faszinierend, mit den Hardcore-Allesfahrern auf den Tribünen zu stehen, die Verzweiflung, die Liebe, die bedingungslose Solidarität mit ihrem Club zu spüren. Das ist echt, authentisch, und auch immer wieder von der Doku überzeugend eingefangen. Wahre Liebe braucht eben auch keinen Hashtag. Ein zünftiges Tattoo auf der Stirn reicht völlig!

Endet die erste Staffel im Nichtaufstieg und in diversen Cliff-Hängern wie der großen Frage, ob Bielsa als Manager weitermacht oder nicht, so beantworten die beiden Folgen der zweiten Staffel/Season 2 dann alle unbeantworteten Fragen. 

Die beiden Folgen der zweiten Staffel von Take Us Home zeigen sehr spannend und mitreißend die Auswirkungen der Covid19-Pandemie auf den Fußball im Vereinigten Königreich im Allgemeinen und auf Leeds United im Speziellen. 

Als die Saison vor dem Abbruch und der LUFC auf dem ersten Platz steht, souverän und unangefochten, wittern die langjährigen Leeds-Supporter eine globale Verschwörung und nehmen das Virus mehr als persönlich, denn was könnte leedshafter sein und den sicheren Aufstieg vermasseln als die Corona-Pandemie?

Sehr faszinierend dann zu sehen, wie eine komplette Stadt, die Mannschaft, die Geschäftsleitung austickt, als der Aufstieg feststeht. Schön, dass in diesem Moment der absoluten Ekstase – Mannschaft und Clubleitung sitzen im Stadion in den Klubräumen gemeinsam vor dem Fernseher – als die Verfolger entscheidende Punkte im Aufstiegsrennen liegen lassen, die Kameras dabei sind. 

Leeds kann nicht mehr von den ersten beiden Plätzen, welche den direkten Aufstieg in die Premier League garantieren, verdrängt werden. Und der Wahnsinn, der offensichtlich Teil der Club-DNA ist, bricht in einer eruptiven Jubelfeier aus. Ich hätte tatsächlich nicht gedacht, daß erwachsene Männer sich so freuen können. Man muß es sehen, um es zu glauben. 

Insofern findet Take Us Home auch erzählerisch eine Heimat, mit der Ankunft von Leeds United im Oberhaus des englischen Fußballs, dort wo man sich zuhause wähnt. 

All Or Nothing: Tottenham Hotspur

Aus der empfehlenswerten Reihe „All Or Nothing“, welche ursprünglich den Spielbetrieb von American Football – Franchises dokumentierte (Arizona Cardinals, Philadelphia Eagles, Carolina Panthers, LA Rams, aber auch New Zealand All Blacks), stammt das neueste Produkt, diesmal gehts um richtigen Fußball, mit den Tottenham Hotspur. 

Muss ich über diesen Verein noch etwas sagen? Für die nicht so Fußball-affine Leserschaft: Die Tottenham Hotspur sind im Norden von London beheimatet, im namensgebenden Stadtteil Tottenham. Sie gehören zu den sogenannten Big Six des englischen Fußballs – mit den beiden Teams aus Manchester, dem Liverpool FC, und den Londoner Clubs Arsenal und Chelsea. Größter Rivale und das Highlight des Spielplans sind die Matches gegen Arsenal, das North-London Derby. 

Die Spurs wurden bereits 1882 gegründet. Sie sind, anders als viele Vereine aus dieser Frühzeit des schönsten aller Spiele kein Club, welcher aus einer Fabrik oder oder einem anderen produzierenden Gewerbe hervorging (wie z.B Arsenal, welches die Mannschaft einer Kanonengiesserei war, daher der Spitzname „Gunners“). Der letzte Meistertitel der Heißsporne wurde 1961 gewonnen. Das lasse ich jetzt mal so stehen. Unkommentiert.

In der Forbes Liste (Quellen und weitere sehr informative Lesestücke findest du am Ende dieses Blogartikels) werden die Hotspurs als neunwertvollster Fußballclub der Welt geführt, mit einem Vereinswert von mehr als 1,6 Milliarden US Dollars und einem jährlichen Umsatz von etwas mehr als 500 Millionen US Dollars – und damit noch vor Juventus Turin.

Im Prinzip ist die neueste Ausgabe der All Or Nothing Reihe, welche übrigens der NFL gehört, ein kleiner Etikettenschwindel, denn eigentlich müsste diese Serie heißen: All Or Nothing – José Mourinho. 

Auftritt The Special One – Die José Mourinho Show

Denn, so möchten es die Fußballgötter, just als die Doku in Staffel 1 in der Saison 2019 einsteigt, wirft Tottenham seinen Trainer, Mauricio Pochettino, raus. Und heuert José Mourinho an. Und los geht die José-Show. Mourinho wird von deutschen Journalisten gerne mit dem Attribut „umstritten“ beschrieben, was weder originell noch passend ist. Mourinho ist ein hochkompetenter Profi, ein smarter Denker, der seine hochintellektuelle Attitüde zum Spiel gerne hinter deftigen Worten versteckt. Seine Titelsammlung (u.a. 2x die Champions League, Meistertitel und Pokalsiege in UK, Spanien, Italien und Portugal, Trainer von u.a. Manchester United, Inter Mailand und natürlich, Real Madrid).

„All or Nothing Tottenham Hotspur“ ist in erster Linie eine Dokumentation über den Club und das Spiel, aber bei keiner der bisherigen Beispiele der gesamten Reihe war die Kamera so nah am Trainer respektive Manager, und an der Mannschaft.

Ein Fußballtrainer, und selten ist das offensichtlicher als im Fall Mourinho, und das macht die Faszination dieser ganzen All or Nothing Reihe für mich aus, ist eine Art Zirkusdirektor und Raubtier-Dompteur in Personalunion. Er muss ein absoluter, bedingungsloser Leader seines Teams sein. Es geht um das Anführen einer Gruppe von Weltklasse-Fußballern, von Top-Athleten , in einem hochprofessionellen Umfeld wie der Spitzengruppe der Premier League. Zudem muss eine ganze Armee an Subkommandeuren wie das Trainerteam, die Ärzte, die Physiotherapeuten, Ausrüster etc. etc. gesteuert und optimiert werden. Und wie dies Mourinho macht, in der Mitte der Saison zur Mannschaft zu stoßen und ihr seine Sicht des Fußballs zu lehren, das ist hochfaszinierend. Und sowas von gar nichts für Fußball-Romantiker. 

Football is about winning – keiner weiss dies besser als José Mourinho

Bemerkenswert zu sehen, wie der neue Trainer am ersten Tag im neuen Verein sein Büro einrichtet. Interessant aber auch passend, daß dort kein Computer oder ein Notebook zu sehen ist. Mourinho scheint den ganzen Tag nichts anderes als Zettel mit der Aufstellung zu schreiben – dafür hat er einen Block und Whiteboard mit einem aufgedruckten Fußballfeld. 

Es ist Klasse, wie Mourinho auf die Mannschaft zugeht, das Training leitet, wie er die Spieler anspricht. Niemals war das alte Stromberg-Apercu passender: Chef und Genie kann man nicht lernen, dazu wird man geboren. 

Mourinho ist der geborene Leitwolf, sein Wort gilt. Immer. In jeder Situation. Von Beginn an als Manager bei den Spurs ist das vollkommen klar. Für ihn ist es ungewöhnlich, mitten in der Saison bei einem Klub einzusteigen. Letztlich führt er die Spurs vom 14 Platz noch auf den sechsten Platz zu Ende der Saison 19/20, und damit in die gar nicht so unattraktive Europa League. 

Man versteht von Folge zu Folge sehr gut, wie Mourinho seinen Fußball denkt, was er von der Mannschaft erwartet, wie sie spielen und vor allen Dingen mental agieren soll. Spannend zu sehen, wie er aus der „zu netten“ Truppe der Spurs, die zu viele Punkte liegen läßt, eine rauhbeinige Streetgang formt, die um jeden Preis jedes Spiel gewinnen möchte. Das ist sein Stil, dafür verehren ihn die Spieler, und missverstehen ihn die Journalisten. 

Mourinhos Art von Ergebnisfußball, das ist wahrscheinlich so gar nichts für viele Sportjournalisten und traditionell geprägte Fans, insbesondere in Deutschland, wo ich immer wieder solchen Quatsch lese wie „das bessere Team hat verloren“. Das ist unmöglich, denn das bessere Team ist immer das, welches mehr Tore schießt. Football is about winning! Wer wüsste das besser als José Mourinho. 

Zentrum des Universums: Das Restaurant im Spurs Trainingsgelände

Die Dramaturgie von All Or Nothing Tottenham Hotspur folgt der oben bereits beschriebenen Dreieinigkeit von Erzählperspektiven: Mannschaft und Trainer, die Clubleitung, die Fans. Die Anhänger der Spurs kommen in dieser Doku tatsächlich nur am Rande vor. Wie in einer Sitcom definieren Orte des Aufeinandertreffens die Narration und die Szenenfolge. 

Hauptort, und wir kehren hier immer wieder zurück wie die Friends in das Perks Cafe oder Leonard und Sheldon in ihr Wohnzimmer, ist das Trainingszentrum der Spurs. Genauer: das Restaurant. 

Wie in einer Soap Opera oder Sit Com wechselt die Kamera von Tisch zu Tisch. Harry Kane, Toby Alderweireld und Delle Alle sprechen über das nächste Spiel, über ihr Essen gebeugt. Am nächsten Tisch sitzt Mourinho und der Clubchef Daniel Levy. Levy erzählt, Mourinho nickt, dazwischen kommen Spieler vorbei und begrüßen beide. (Das könnte auch eine Szene aus den Sopranos sein, fällt mir dazu ein). 

Nächster Tisch, nächste Szene, wir treffen die Teamärzte oder eine weitere Spielergruppe. Das Spurs Universum scheint eine nicht endende Abfolge aus Mittagessen, Trainings, Fahrt/Flug zum nächsten Spiel, Ankunft und Abreise am und vom Hotel zu sein. 

Sehr spannend und extrem aufschlussreich geschildert finde ich die Halbzeiten während der Spiele, und wir dürfen in der Kabine mit dabei sein. So coacht Mourinho: Immer mit deftigen Worten. Immer mit einer klaren Ansprache an die Mannschaft und was falsch läuft. Immer mit einer klar postulierten Idee, Umstellung, Taktik, wie das Spiel noch zu gewinnen ist. Anders als Pep Guardiola, dessen Coaching in der Halbzeit ich nur sehr bedingt verfolgen und verstehen kann (siehe dazu All or Nothing Manchester City) bleibt Mourinho sehr fokussiert, sehr verständlich, wenig komplex. Er spricht immer nur einen Fehler an, den das Team abstellen soll, und nimmt sehr verständliche und sich sehr anbietende taktische Umstellungen vor. Das wirkt extrem gekonnt und überlegt und kompetent, praktikabel und hemdsärmelig, und so wie ich das diese Saison bei den Spurs sehe, funktioniert es.

Die Dokukamera bei den Spurs schafft sehr ungewöhnliche Einsichten: Kamera bzw. Mikrofon sind sogar dabei, wenn ein altgedienter aber von Mourinho aussortierter Spieler wie Danny Rose im Dialog mit dem Trainer sehr deutlich mehr Einsatzzeiten fordert. Und Mourinho sich das anhört, nicht vertröstet, nichts Falsches verspricht, sehr offen ist. Letztlich wird Rose an einen anderen Verein verliehen. Mit Mourinho gibt es eben keine faulen Kompromisse. 

Die José-Show ist das Herz dieser Dokumentation und der erzählerische Nukleus. Alle anderen Narrative verblassen dagegen, bieten aber dennoch einen sehr einzigartigen Einblick in den Betrieb eines englischen Spitzenvereins der Fußball-Premier League: Das Board Meeting in Leipzig, wo es um den ausbleibenden Umsatz aufgrund Corona geht, der Abbruch der Saison im März 2020 aufgrund eben dieser Pandemie, die Weiterführung der Spielzeit vor leeren Rängen, die  umfangreiche Charity-Arbeit des Vereins, das Zeichnen neuer Spielerkontrakte und das Verabschieden von Spielern, ebenso wie die Integration von neuen Spielern, die Verletzungen von Harry Kane und Heung-min Son, und der mörderische Spielplan der Premier League im Dezember. 

Ich bleibe beeindruckt und als Mourinho-Fan zurück, und wünsche mir eine solch erhellende Dokumentation auch über einen Verein der Bundesliga. Wäre doch super, z.B. den FC Schalke in seiner diesjährigen Abstiegssaison zu begleiten um dann nächstes Jahr in der zweiten Liga beim scheiternden Projekt „Wiederaufstieg“ dabei zu sein. Das wäre sicherlich ähnlich faszinierend wie „Take Us Home – Leeds United“ und „All Or Nothing: Tottenham Hotspur“. 

Beide Dokus sind auf Prime Video abrufbar: 

  • Take Us Home – Leeds United (Insgesamt acht Folgen in zwei Staffeln. Sprecher: Russell Crowe) 
  • All or Nothing – Tottenham Hotspur (Eine Staffel mit neun Folgen. Sprecher: Tom Hardy)

Quellen und Material zum Einlesen und Ergänzen: 

dc
Dabei sein
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