Reiseliteratur: Bücher für Unterwegs

Reiseliteratur: Bücher für und gegen das Fernweh. Oder: No busco nada. Ich suche nichts.

 

Seit dem letzten Reiseerzählungen – Tipp in diesem Blog ist schon wieder etwas Zeit vergangen, welche ich genutzt habe, um ausgiebig neue Bücher (und ebooks) zu lesen. Hier ist meine Auswahl, wie immer, vollkommen subjektiv…

Los geht es mit einem Reiseblogger – Kollegen und hessischem Landsmann, nämlich

Marco Buch: „Whatever works“.

Ich bin ja der allerletzte, dem man mit einem selbstoptimierten Lebenslauf beeindrucken kann, und wer keine Lücken in seinem CV aufweist, der hat in meinen Augen tatsächlich entscheidende Dinge falsch gemacht. Oder nicht verstanden. Oder beides. Nicht so der Protagonist der Sammlungen von diversen mehr oder weniger spassigen Jobs, Marco Buch. Seit seiner Jugend scheint für ihn der gerade Weg zur Karriere als BWLer oder Lehrer oder Banker nicht der richtige zu sein. Weshalb er etwas länger Zeit an der Universität verbringt als die Regelstudienzeit, in netten Städtchen wie Mainz und Berlin eher die Kneipen als die Seminarräume aufsucht und mehr Lebenserfahrungen in den unterschiedlichsten (An-) Stellungen und Jobs sammelt als leichte Mädchen in Hafenstädten.

Das ist höchst unterhaltsam zu lesen, abwechslungsreich formuliert, ironisch gebrochen und selbstkritisch geschrieben, und hat mich in den besten Momenten an „Stories vom verschütteten Leben“ von Charles Bukowski erinnert. Den Marco aber gar nicht so gut findet, es ist eher Helge Timmerberg, den er als Vorbild nennt, und ja, das merkt man! Mit anderen Worten also: Ein empfehlenswertes Buch von Herrn Buch, ein Gegenentwurf zu den als heutzutage ideal bezeichneten geradlinigen Lebensläufen unserer Zeit. Und nicht geradlinig und angepasst zu sein, dem Karriereideal (was immer das sein mag) bewusst nicht zu entsprechen, seinen eigenen Weg zu gehen, das ist mutig. Und eine Lebenseinstellung, welche in „whatever works“ immer durchscheint. Und das ist es, was ich an diesem Werk so mag.

Und zu Helge Zu Timmerberg bzw. seinem jüngstem Buch komme ich später noch, als nächstes aber folgt das wirklich fabelhafte Reisebuch von

Mark Adams: „Turn Right at Machu Picchu“

Dies ist ein Reisebuch im allerbesten und alleraltmodischsten Sinne. Man läuft durch die Berge Perus, sucht diese Ausgrabungsstätte auf und jene, immer auf den Spuren des neuzeitlichen Wiederentdeckers von Perus bekanntester Sehenswürdigkeit, der alten Inkastadt Machu Picchu nämlich. Der Entdecker war Hiram Bingham, ein Professor aus Yale, der 1911 diesen vergessenen Ort aus dem Dunkel der Geschichte hinauf an das Lichte der touristischen Gegenwart führte. Mark Adams nun, ganz klassisch, kündigt seinen Schreibtischjob in New York, um in aller Ruhe die Anden rund um Cusco und die einst vergessene Inkastadt bei Aguas Calientes zu erforschen. Das ist der ganz klassische, aufklärerische und im ureigensten Sinne positiv amerikanische Ansatz, die Welt zu erkunden. Mark Adams schreibt spannend und lehrreich zugleich, erzählt von den Beschwernissen der Berge und der Sorglosigkeit  der Niederungen, beleuchtet die Geschichte von der Eroberung Perus durch die Spanier, und bekommt dies alles in seiner kurzweiligen Reiseerzählumg zusammengefasst, dass es die reine Freude ist, mit zu reisen. Eines der besten Reisebücher seit langem, mit vielen Fotos.

Reiseliteratir im Reiseblog

Helge Timmerberg: Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich. 

Auch nach zweimaligem Lesen dieses sehr kurzweiligen und unterhaltsamen Buchs vom Grandseigneur der deutschsprachigen Reiseliteratur weiß ich nicht, worüber dieses Buch eigentlich ist.

Timmerberg erzählt mal über seine Zeit in Marrakesch (dort war auch sein Harem aus dem Titel), verliert sich in seltsamen marokanischen und etwas zu ausführlichen Märchen, schwelgt über vergangene Lieben und durchzechte Nächte, über ein Drehbuch, welches nie zustande kam, über seine Vergangenheit als Reisejournalist und champagnergetränkte Abende im Borchardt, über das Reisen, das Unterwegssein, das Zuvieltrinken, das Zuweniglieben, die Suche nach dem Sinn, dem Spaß am Leben, die Einsamkeit des Schreibens, kurz: über wunderbare Geschehnisse und Gefühle.

Das ist, irgendwie, großes Tennis. Die seltsamen arabischen Märchen dabei überspringend. Vielleicht ist dieses Buch sogar Kunst. Vielleicht ist Timmerberg nicht nur Autor, sondern Künstler. Wer weiß das schon und wer bin ich, das bewerten zu können.

Fest steht: Timmerberg ist ein grosser Sonderfall der deutschen Literatur, er erinnert mich an Jörg Fauser, welcher auch ein grosser Sonderfall der deutschen Literatur war. Und auch im Deutschunterricht und in den Printfeuilletons dieses Landes ignoriert wird. Was fast schon einen Ritterschlag darstellt: Wer will schon im Feuilleton der FAZ gefeiert werden?

Lonely Planet: „Best in Travel 2016“. 

Des Vielreisenden liebster Reiseführerverlag bringt jedes Jahr ein kleines Kompendium heraus mit den Reiseempfehlungen der Redaktion für Länder, Regionen und Städte, welche sich 2016 auf jeden Fall zu besuchen lohnen.

Bei den Ländern sieht die Spitze der Reiseempfehlungen wie folgt aus: Botswana vor Japan und den USA. Botswana kann ich sehr gut nachvollziehen: Ein wunderbares Land, mit sehr angenehmen Menschen darin, und einer fantastischen Tierwelt. Für Backpacker nicht so geeignet, für Leute mit eigenem Fahrzeug und genug Kleingeld aber um so mehr! Noch in der Liste für 2016 bei den Ländern, und für mich interessant: Palau. Und Fidschi. Grönland sowieso. In Uruguay war ich bereits. Für mich in der Liste eher rätselhaft: USA. Aber vielleicht war ich dort schon zu oft?

Wie auch immer, bei den Regionen und Reisetipps für 2016 folgende Top Drei: Transsylvanien, Rumänen, Westisland, Valle de Vinales, Kuba. Rumänien als Reiseland ist ein wunderbarer Tipp, mein Kurztrip nach Timisoara bleibt mir in absolut angenehmer Erinnerung (Wiege der Revolution! Tolle Restaurants! Klasse Bier!) und Transsylvanien nehme ich auf mit meine Liste der zukünftig zu bereisenden Gegenden. Im Valle de Vinales war ich bereits, das ist tatsächlich auch sehr sehenswert, wie es Kuba ohnehin ist. Fahrt nach Kuba, bevor der erste Golden Arch in der Altstadt von Havanna eröffnet…

Jeder Reisetipp wird ergänzt mit einer kurzen Beschreibung des Landes/Region, warum es lohnt, gerade dort hin zu fahren, was die lebensverändernde Erfahrung einer Reise dorthin sein wird, und einige praktische Tipps und Reiseinfos im LP Stil. Als Ideengeber ist das Buch ganz gut, mit einer Mischung aus einfachen Zielen und etwas abenteuerlichen Destinationen.

Mish Slade: „Travel like a pro“. (e-book)

Wie heisst es eingangs: Road-tested tips for digital nomads and frequent travellers. Aha. Und das wird auch eingehalten, und wäre an sich keiner Erwähnng wert, wenn sich tatsächlich nicht ein wirklich guter Tipp darin befinden würde. Ansonsten die üblichen Hilfestellungen, und ich frage mich, wer das noch lesen möchte, denn das Internet ist voll davon: Wie man am besten packt, wie man sinnvoll Flüge bucht, wie man den Flughafen übersteht, und wie man unterwegs arbeitet. Ist also eigentlich zum Gähnen.

Wenn da nicht dieser Tipp wäre, den ich hiermit als tatsächlich hilfreich und grossartig weitergebe. Die beste Tasche für das Handgepäck und überhaupt das Reisen mit wenig Gepäck ist der Travel Aeronaut von Tom Biehn. Da ich ein leichtes Faible für die Optimierung meines Gepäcks pflege, habe ich mir den Aeronaut zugelegt (nur in den USA erhältlich, sie liefern aber nach Europa), und diese Tasche ist tatsächlich die beste Reisetasche der Welt – mindestens.

Ein Bericht darüber folgt noch in diesem Blog. Wer mehr von Mish Slade lesen möchte, findet sie auf makingitanywhere.com

Paul Theroux: „The Pillars of Hercules“

Was wäre schon ein Text über Reiseliteratur, ohne ein Buch von Paul Theroux? Für mich nach wie vor der beste Reiseschriftsteller: intelligent, offen, scharfsinnig, geschichts- und kulturinteressiert, abenteuerlustig, witzig.

Theroux ist unerreicht, und es lohnt sich, auch seine älteren Werke zu lesen. The Pillars of Hercules beschreibt eine mehrmonatige Tour entlang der Küste des Mittelmeeres. Begonnen in Spanien, entlang der Costa Brava über Frankreich nach Italien, Korsika, Sizilien, den Balkan, Griechenland, durch die Levante bis nach Marokko. Ein wunderbarer Tripp, mit vielen Begegnungen, Erkenntnissen, Erfahrungen. Spannend, lehhreich, und Theroux kann nicht nur schreiben, er hat auch etwas zu sagen. Was heutzutage, in der Zeit der bloggenden Selbstoptimierer, reisenden Lebensratgeber und digitalnomadenden Plaudertaschen leider nicht selbstverständlich ist. Denn wie sagt es Theroux so treffend: No busco nada – Ich suche nichts.

Andreas Altmann: „34 Tage, 33 Nächte“

Andreas Altmann ist für mich, neben Helge Timmerberg, der zweite lesenswerte Reiseschriftsteller in deutscher Sprache. Aber die beiden trennen Welten. Was es für die Leser natürlich interessant macht. Timmerberg käme niemals auf die Idee, von Paris nach Berlin zu laufen. Zu Fuß, ist damit gemeint. Und ohne Geld. Wie ein Tippelbruder, Obdachloser, Penner. Warum zur Hölle sollte man so etwas tun, höre ich Timmerberg fragen?

Altmann macht aber genau dies und beschreibt seine ganz spezielle Reise in „34 Tage, 33 Nächte“ sehr eindrücklich. Denn so lange war er unterwegs, auf die Almosen seiner Mitmenschen, die Unterkünfte für Obdachlose und die unterschiedlich stark ausgeprägte Menschlichkeit entlang des Weges angewiesen.

Altmann ist auch, anders als Theroux, immer auf der Suche: Nach dem wahren Leben, den aufrechtesten Gefühlen, dem rigidesten Abenteuer, dem gefährlichsten Ungewöhnlichen, ein rastloser Sinnsucher und radikaler Hinterfrager. Für Altmann gibt es keine Grauwerte – schwarz oder weiss, hopp oder Top, es kann kein richtiges Leben im Falschen geben. Entweder Philosoph, oder Arschloch. Bei Andreas Altmann ist die innere Reise meistens genau so spannend, wie die äussere Reise. Und deshalb ist er unbedingt lesenswert.

Laurence Berggreen: „Over the edge of the world.“

Wie kann man denn heutzutage reisen, und darüber nachdenken und schreiben, ohne die wirklich grossen Entdecker und Reisenden, und ihre Unternehmungen, zu kennen? Ich weiss es nicht, und deshalb lese ich regelmässig Reiseliteratur über Entdecker wie Kolumbus, Pizarro, und Magellan.

Denn Fernando Magellan und seine unseren Planeten neu definierende erste Weltumsegelung war eine wirklich weltverändernde Reise. Etwas, was heute kaum noch möglich ist. Und es damals, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und kaum dreissig Jahre nach der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents durch Christoph Kolumbus (oder Cristobal Colon, wie er auf spanisch hiess), auch von Beginn an war.

Eine Reise gegen alle Regeln: das herrschende Wissen, die damalige Technik und den Glauben an die Grenzen des Universums an ihre Grenzen bringend. Diesen aussergewöhnlichen sozialen, technischen und historischen Kontext der ersten Weltumsegelung beschreibt der Autor Laurence Berggreen fundiert, spannend, wissenschaftlich und zugleich wie ein wahrer moderner Erzähler: nüchternd und dennoch mitreissend.

Wer wie ich Reisen nach Lateinamerika liebt, und ein Faible für alles Spanische hat, sollte dieses  Buch lesen. Denn es war Magellan, der Portugiese in Diensten Spaniens, welcher eine Region wie Patagonien oder Feuerland besucht, bereist, entdeckt, überlebt und benannt hat.

Ergänzend zur Reiseliteratur auch folgender Reisetipp: Das Marinemuseum in Madrid. Denn dort ist die Reise Magellans als grosses Mosaik, mit Weltkarte und Reiseroute, nachgezeichnet.

Allerdings, nicht als Reise des Fernando Magellan, sondern als Reise des Juan Sebastian Elcano. Denn dieser war es, der das letzte von einst fünf Schiffen 1522 in den Hafen von Sevilla steuerte. Magellan war bereits auf den Philippinen umgekommen, und streng genommen müsste man tatsächlich die Geschichtsbücher ändern. Erste Weltumsegelung: Juan Sebastian Elcano.

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DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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4 Kommentare zu “Reiseliteratur: Bücher für Unterwegs

  1. Marco Buch

    Vielen Dank für die Nennung meines Buches und die positive Rezension!
    Das freut mich sehr!
    Beste Grüße und weiterhin safe travels,
    Marco

  2. Jean

    Hallo,
    besonders Lonely Planet entdecke ich gerade für mich, die Reihe löst meine bisherigen Reiseführer ab 😉 Deswegen ist es cool, dass du die besten Tipps für 2016 gelesen hast!
    Ich finde Lektüre über das Reisen auch gut und finde, dass sowas echt noch gelesen wird 😉 um mal auf deine Frage zurückzukommen 🙂
    Liebe Grüße,
    Jean
    http://jean-abovetheclouds.com

  3. DC Loew Autor des Beitrags

    Hallo Jean, ja, LP sind auch für mich bei allen Reisen unverzichtbar. Noch gute Reiseführer gibt es von Bradt und die rough guides, um mal Alternativen zu nennen.