Ode an Madrid – Europas unterschätzte Metropole

Madrid – die unbekannte Hauptstadt

 

Es gibt diese Länder, in denen jeder schon mal war und sie deshalb vermeintlich kennt. Spanien gehört dazu. Mallorca, die Kanaren, die Costa Brava – touristische Enklaven, die eine Fassade vorspiegeln und dem Besucher, welcher nicht die Grenzen der Enklave bereit ist zu verlassen, ein folkloristisch verbrämtes Abbild ihrer Selbst für die Dauer seiner 14 Tage Pauschalurlaub vorgaukeln.

Spanien als Reiseland spiegelt seinen pauschalurlaubenden und ballermannfeiernden Besuchern ein touristisch gefärbtes, auf die Zielgruppe abgestimmtes Selbstbild vor, professionell distanziert vom tatsächlichen Ich, und auf die geschäftsfördernden Elemente seines eigenen Klischees beschränkt.  Das funktioniert für diese Klientel sicherlich sehr gut.

Aber als Reisender, nicht als Urlauber, möchte man immer das innerste Ich eines Landes entdecken, seine typische Stimme vernehmen, den ureigenen Klang des Lebens und den Rhythmus seines Alltages erspüren. Auch in Spanien ist dies möglich, weniger auf der Schinkenstrasse in Palma, kaum in Benidorm oder Torremolinos, schwerlich auf den Ramblas in Barcelona, aber ganz bestimmt in: Madrid. Für mich ist Madrid, ist das kastilische Hochland, und nicht die turbulente und leichtlebige Küste Kataloniens, das wahre Herz Spaniens.

Madrid liegt abseits der gängigen Reiserouten, fernab von den touristischen Zentren des Landes. Wer nach Madrid reist, hat klare Gründe, dies zu tun.

Die Hauptstadt Spaniens besticht ihre Besucher mit einer angenehmen zurückhaltenden Höflichkeit, ihrer authentischen Mischung als Altstadt und moderner Businessmetropole sowie den vielen historischen Gebäuden und außergewöhnlichen Museen.

Madrid Plaza Mayor - planetenreiter.de

Madrid Plaza Mayor – planetenreiter.de

Madrid hat dem geneigten Besucher (fast) alles zu bieten

 

Kultur (Prado, Königin Sofia Gemäldegalerie, Königspalast), wunderbare städtische Ensembles der historisierenden Moderne rund um die Gran Via und Placa Cibeles, Sport (Real Madrid! Weitere zwei Fussball Erstligisten, sowie Handball und Basketball der europäischen Spitzenklasse), Shopping (grossartige Einkaufsmeilen um die Gegend der Calle Hortaleza, El Corte Ingles mit seinen wunderbar altmodischen Kaufhäusern), bemerkenswerte seltsame Tradition (Stierkampf), ein sehr leistungsfähiges städtisches Netz des ÖPNV, liebenswerte Kiezviertel (Chueca), sowie ein überbordendes, Weltklasse Nachtleben.

Und etwas ausserhalb der Stadt, mit dem Königspalast El Escorial ein sehr veritables und spektakuläres Welterbe.

All dem hat die spanische Krise nur ein wenig angetan, ihre Schwermütigkeit im Winter und ihre von der Hitze des Sommers gebleichte Sorglosigkeit hat sich die Stadt bewahrt.

Das Klima der Metropole ist sicherlich einen Satz wert, ich habe mich immer über die teils noch sehr warmen und sonnigen Novembertage gefreut. Im Winter, Dezember und Januar, wird es kalt, aber selten sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Ab fünf Grad sehen die Madrilenen allerdings bereits aus wie Moskowiter im tiefsten russischen Winter, dick eingehüllt in Mäntel und Mützen wie für eine Schlittenexpedition zum Nordpol.

Ich habe immer die stille Höflichkeit der Stadt und seiner Bewohner geliebt: Wo bekommt man noch heutzutage die Tür freundlich aufgehalten? Eine volle U-Bahn in Madrid ist ein Beispiel an Rücksichtnahme und zivilisiertem Verhalten, wie man es in Deutschland leider kaum noch antrifft. Eine Stadt von vier Millionen Einwohnern, und es wird nirgends gedrängelt.

Ganz bei sich ist Madrid in den Strassen und Gassen des historischen Viertels, zwischen Gran Via, Plaza Callao, Puerta del Sol und dem Plaza Mayor. Dieser ist übrigens etwas versteckt zwischen Häuserzeilen und kleinen Gassen, aber sicherlich einer der schönsten Plätze Europas. Im Winter ist der Platz wie leergefegt und gibt den Blick auf das wunderbare barocke Ensemble der umgebenden Bauten frei.

Im Sommer birst das Viereck an Trubel und Besuchern, aber auch das ist ein Schauspiel für sich und lädt zum Verweilen ein. In Madrids historischem Viertel findet der Besucher Tapasbars, in denen der von der Decke hängende Serrano Schinken echt und nicht aus Plastik ist. Hier wird das Bier in kleinen Gläsern gezapft und an der Bar steht immer Knabbergebäck bereit, und die Kellner sind alt und würdevoll und sprechen deshalb kein Englisch, aber tragen weisse Hemden und Kittel.

Flughafen Madrid Barajas - Frühstück für Traveller

Flughafen Madrid Barajas – Frühstück für Traveller

An den Wänden meines Stammlokals, der Cerveceria Alemana am Plaza St. Ana, hängen schwarzweisse Fotos von Stierkämpfern, und die Reste des Knabbergebäcks werden beim Abräumen auf den Boden gewischt. Man isst Calamares oder patatas bravas, und trinkt kühles Bier ohne Schaum. Ernest Heminway liebte die Cervecceria ebenfalls, und sie sieht immer noch ein wenig nach 1925 aus.

Es ist der Rhythmus dieser Stadt, der einfach anders ist: Die Madrilenen gehen nie vor zehn Uhr Abends zum Essen. Gefrühstückt wird im Stehen und man nimmt kleine Sandwiches zu sich, die man „Floh“ (pulgo) oder sogar „kleiner Floh“ (pulguito) nennt. Gegen 14 Uhr leeren sich die Strassen und Büros, viele Arbeitnehmer fahren nach Hause zum Essen, und kommen gegen 16 Uhr für den nachmittäglichen Teil des Tages wieder an ihre Arbeitsplätze. Die Geschäfte haben abends lange auf, und in den Kiezen gibt es unzählige winzige Supermärkte und Kioske, die bis Nachts geöffnet haben, wenn nicht länger.

Madrids Image kommt der wunderbaren Realität nicht ganz hinterher, der ewige Rivale Barcelona hat, für einen hohen Preis, die touristische Herrschaft an sich gerissen. Ein eher fragwürdiges Treiben wie an den Ramblas in Barcelona hat Madrid nicht zu bieten. Der Madrileno gibt sich distinguiert, und weiss, was er/sie an seiner Stadt hat.

Irgendwann wird Real Madrid wieder spanischer Meister sein und die Champions League gewinnen, irgendwann wird Madrid die olympischen Spiele ausrichten und nicht nur in der Bewerbung eine gute Figur abgeben. Und so tagträumt diese wunderbare Stadt ein wenig von guten und schlechten und zukünftigen großen Tagen, und ist mit dieser melancholischen Mischung aus distinguierter Grandezza und sanfter Traurigkeit ganz bei sich selbst.

  • Flüge nach Madrid aus Deutschland, Österreich der Schweiz von Frankfurt, München, Wien, Zürich und Düsseldorf sowie Berlin.
  • Vom Madrider Flughafen Barajas verkehrt eine U-Bahn in die Stadtmitte (die rosafarbene Linie 8 nach Nuevos Ministerios), von dort sehr gute Umsteigeverbindungen. Iberia in Madrid ist immer im Termin 4 (T4), Lufthansa in Terminal 1 (T1). Zwischen den Terminals verkehrt ein kostenloser Shuttle Bus Service.
  • Iberia hat ein ganz gutes Stop-Over Programm für Weiterflüge nach Lateinamerika, wenn diese am nächsten Tag gehen.
  • Übernachtung: Zu empfehlen für den Madrid Aufenthalt ist die Option, ein Appartement zu mieten. Ansonsten unzählige Hotels auch im Altstadt Bereich um die Puerta del Sol.
  • Ein Taxi vom Madrider Flughafen in die Stadt kostet zwischen 20 und 30 Euro.
  • Schnellzugverbindungen mit der spanischen Bahn gehen von Madrid nach Sevilla und nach Barcelona, von der Station Atocha.
  • Ausgehen: Ich mag das Stadtviertel Chueca, da gibt’s alles: Clubs, Bars, Kioske, Cocktails Bars, Restaurants, Madrider Kneipen.
  • Real Madrid: Spielt im Stadion Santiago Bernabeo, welches mitten in der nördlichen Innenstadt liegt, und angenehm per U-Bahn erreicht werden kann.
  • Atletico Madrid spielt am westlichen Rand der Innenstadt im Stadion Vicente Calderon, U-Bahn Station: Piramides.
  • Zum Stierkampf nach Las Ventas geht man im Mai wenn das Fest des Stadtheiligen San Isidro begangen wird. U-Bahnstation: Ventas.
  • Taxifahren in Madrid ist günstig! An die Strasse stellen und das Taxi abwinken. Vamonos à Madrid!
Madrid Olé - planetenreiter.de

Madrid Olé – mit einem Plakat aus Ronda – planetenreiter.de

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DC Loew

DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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