Warum in die Ferne schweifen ?

Warum reisen wir?

Warum in die Ferne schweifen, fragt Goethe. Oder anders gesprochen: Warum reisen wir, der moderne Mensch, das ist die grundsätzliche Frage. Weil in eine Rastlosigkeit in unseren Genen zu liegen scheint. Diese Rastlosigkeit, die Wanderlust, die Freude am Entdecken, die reine Neugier hat den Homo Sapiens von den Savannen Afrikas über den ganzen Globus geführt, und heutzutage, unter der Firnis, oder dem Wust unserer sogenannten Zivilisation, ist in einigen von uns die Reiselust, die Sehnsucht nach der Ferne und dem Unterwegssein, die Neugier auf neue Kulturen und Nationen und fremde Länder geblieben. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt.

Amazonas

Ich kenne tatsächlich Leute, die kaum oder nur widerwillig die gewohnte Umgebung verlassen, und keine Neugier nach Exotik oder der Fremde verspüren. Ich selbst verspüre immer das Fernweh in mir, sehne mich nach neuen Ländern und Städten und Gegenden, und suche die Exotik, das Ungewohnte, bin neugierig und, so bilde ich mir das ein, auch offen. Exotik bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass ich immer in die Kalahari, nach Patagonien, oder zum Amazonas reisen muss.

Exotik ist keine Frage der Entfernung. Exotik ist eine Frage der geistigen Haltung. Ich versuche dies in meiner Autorenbeschreibung hier im Reiseblog zu verdeutlichen: „Ob Offenbach oder die Osterinsel – los gehts“, ist dort zu lesen. Was möchte ich damit sagen? Dass Reisen, oder die Sehnsucht nach dem Ungewohnten, Neuen, Fremdartigen, die Lust am Unbekannten, die Freude am Entdecken, die Erotik des Abenteuers für viele Reisende der eigentliche Antrieb ist. Und Entdeckungen kann man schon machen, wenn man die S-Bahn nach Offenbach nimmt – wer offene Augen und Sinne hat zu schauen und zu fühlen, dem wird sich auch das Neue geradezu aufdrängen. Oder auch anders ausgedrückt: Reisen ist nicht immer ein Privileg von finanziellem Verdienst, der Option, das Langstreckenticket einzulösen und im teuersten Club Med am Ende der Welt zu urlauben.

Reiseblog Lissabon
Das Entdeckerdenkmal zu Lissabon

 

Reisen ist eine Geisteshaltung, eine grundsätzliche innere Einstellung zur äußeren Welt. Für mich ist es ein Unterschied, ob jemand Urlaub macht oder eine Reise. Die Lust am Abenteuer, die fröhliche Suche nach der Exotik beginnt bereits mit der Begriffsdefinition „Urlaub machen“ versus „verreisen“. Jedes Wort impliziert und evoziert eine komplett andere Sicht auf die Welt, und ist entsprechend passiv bzw. aktiv. Wer Urlaub macht, legt sich vielleicht sogar ganztägig an den Strand oder den Pool, so wie ich es jüngst auf Curaco mit Staunen bei einigen Touristen wahrgenommen habe. Wer verreist, ist dynamisch und in Bewegung und gestaltet seine Tage in der Fremde anders – ich zum Beispiel beginne mich zu langweilen, sobald ich mehr als zwei Stunden an einem Strand verbringen muss.

Reisen ist eine Geisteshaltung

 

Allerdings, das muss ich auch hinzufügen und es ist einerseits dogmatisch als auch andererseits vollkommen unersnt gemeint: Mein Motte im Reiseblog ist ja: No busco nada. Ich suche nichts. Das stimmt, und stimmt nicht. Ich suche natürlich Erlebnisse, die Exotik, das Fremde, denn es ist aufregend und inspirierend. Ich such nicht mich selbst, mein inneres Zen, oder sonst einen esoterischen Schmus. Reisen ist handfeste Pragmatik, und für mich vollkommen unromantisch. Widersprüchlich? Ich hoffe es.

Warum also verreisen viele Menschen gerne, verspüren Fernweh, und suchen das Abenteuer? Und dies unabhängig davon, ob es per Anhalter zur Osterinsel geht, oder per S-Bahn nach Offenbach. Weil es Menschen gibt, die einen Lebensabend im Reihenhaus, als auch den Weg dort hin, als unheimlich empfinden.

Genau wie es Leute gibt, die Exotik, Abenteuer und das Fremde an sich fürchten bzw. es gar nicht erst suchen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen, die es gewohnt sind, ein Fremder unter Einheimischen zu sein, also selbst das Fremde und das Exotische irgendwo anders als zu Hause rerpräsentieren, dem Neuen, Ungewohnten, dem Fremden bei sich zuhause, gelassen und offen begegnen zu können.

Exkurs: Ich behaupte, dass die meisten Pegida-Anhänger, AfD Wähler und Nazigesindel in ihrem Leben bisher kaum aus ihrer gewohnten Umgebung heraus gekommen sind. Und Reisen an die Ostsee oder nach Österreich, um nur Beispiele zu nennen, zählen dabei nicht mit. Irgendwie bezeichnend in seiner grenzenlosen Piefigkeit, dass die Typen des sog. NSU mit dem Wohnwagen an die Ostsee gefahren sind. Aber das nur als – zugegeben, sehr unsachlicher – Exkurs. Vielleicht müssen auch unpolitische Medien wie Reiseblogs bezüglich dieser Thematik mehr Flagge zeigen und sich positionieren.

Zurück zum eigentlichen Thema: dem Verreisen. Denn anders herum gesprochen: Die Golfreise nach Florida oder die Kreuzfahrt nach Neuseeland gewährleistet das Suchen und Finden der Exotik wahrscheinlich auch nicht – allein die Ferne aufzusuchen, verspricht kaum, die Welt anders wahrzunehmen. Wenn man, wie auf einem Kreuzfahrtschiff, sich weiterhin in seiner zivilisatorischen Blase aus Sprache, Kultur, Gewohnheit, Verpflegung bewegt, ist dies nicht der Sinn des Reisens, wie ich ihn empfinde und propagiere.

Denn: Ich denke, man muss diese Blase aus geregeltem Ablauf und Routine hinter sich lassen, aufbrechen, ignorieren, ja, Zuhause lassen. Erst dann ist Erkenntnisgewinn und Inspiration möglich in Form von Erlebnissen, Gefühlen, Kontakten, die das Andere, die wohltuende Exotik, das schöne Fremde, ermöglichen.

Und wahrscheinlich hat Goethe schlichtweg nicht Recht, wenn er etwas dröge behauptet, das Glück „sei immer da“. Ist es natürlich nicht, aber dieser Umstand ist wiederum unabhängig von Ferne oder Nähe. Es ist abhängig von einer geistigen Einstellung: Offen und neugierig sein, versuchen, Vorurteile abzulegen, das Gute und Schöne im Menschen zu suchen – dann wird man es finden. Vielleicht sogar in Offenbach!

DC Loew
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DC Loew

DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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