Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Der perfekte Kurztripp ins Saarland (und nach Lothringen).

 

Kaum zu glauben, aber diese winzigen und eigentlich überflüssigen (weil zu teuren und an sich zu kleinen) Bundesländer wie Hamburg, Bremen und das Saarland nennen jeweils ein UNESCO Welterbe ihr Eigen.

Aus touristischer Sicht können sie mit einem Pfund wuchern, das man ihnen kaum zutraut. Aber ich möchte mich nicht über die seltsamen Eigenheiten des bundesdeutschen Föderalismus auslassen – nun gut, ich habe es bereits!

Ich meckere nicht weiter, ich gehe es mir anschauen. Also auf in das Saarland und nach Völklingen, wo es das Stahlwerk und Welterbe Völklinger Hütte zu bewundern gilt. Und ich kann es vorweg nehmen. Dies ist ein sehr ungewöhnliches Welterbe, und ein Besuch lohnt sich absolut!

Weltkulturerbe Völklinger Hütte by DC Loew
Welterbe Völklinger Hütte: Eingang

Was denkt man eigentlich spontan, wenn man an das Saarland denkt?

Ich zähle mal auf, politisch unkorrekt und vollkommen unreflektiert: Kein Bundesligaverein aus dem Saarland gefühlt seit dem Mauerfall. So pleite, das es noch nicht mal die Franzosen gewollt haben. Oskar Lafontaine und Heinz Becker sind die berühmtesten Saarländer. Saarländerinnen wollen mir nicht einfallen. Ach ja, die Ministerpräsidentin mit sperrigem Doppelnamen.

Ein sehr interessanter und sympathischer Dialekt wird dort gesprochen. Und hier die Fakten für Geschichtsfreaks: In der WM Qualifikation zur WM 1954 spielte die Nationalmannschaft des Saarlandes gegen Deutschland. Also Deutschland West. Weil das Saarland erst später, per Volksabstimmung, Teil der Bundesrepublik und somit Bundesland, wurde. Saarland, das ist so ähnlich im Ruhrpott: Kohle und Stahl. Und Frankreich ist ganz nah.

Deshalb ist das Saarland betont zweisprachig unterwegs, auf vielen Schildern, der Speisekarte. Interessant! Drei Meter auf der westlichen Seite der ehemaligen Grenze ist es dann, natürlich, vorbei mit der Zweisprachigkeit. Die Grande Nation kennt nur eine Sprache!

Weltkulturerbe Völklinger Hütte by DC Loew
Details Welterbe Völklinger Hütte

Wenn man also mit dem Auto in Richtung Saarland fährt, kommt man, immer entlang der eher unscheinbaren Saar, nach Völklingen. Und dort, wie ein gigantisches notgelandetes und verschrottetes UFO, liegt das Stahlwerk, ein vor sich hin rostendes Ungetüm aus Metall, Schornsteinen, Kaminen. Man könnte einen Science Fiction Film hier drehen, müsste aber eine Dystopie sein. Wegen des Zerfalls.

Wie auch immer, betritt man das seit 1986 geschlossene Stahlwerk (kostenloser Parkplatz direkt nebenan, gut ausgeschildert), sieht man, dass weniger Zerfall und Rost als gutgepflegte Musealität das einzige Welterbe zwischen Mainz und Reims prägen.

Die sehr gut ausgeschilderte und erklärte Tour durch das 7,4 Hektar große Areal beträgt ca. 7 km. Allein daran lässt sich ermessen, wie groß das ganze Gelände ist.

 

Weltkulturerbe Völklinger Hütte by DC Loew
In der Sinterhalle

Was bekommt man als Besucher des Stahlwerks zu sehen?

 

Die gigantischen Ausmaße des Stahlwerks sind schwer in Worte zu fassen, trotz der Unmengen an verbautem Stahl, Trägern, Kranvorrichtungen, Hochöfen etc. versteht man im Laufe der Tour sehr gut, wie Stahl produziert wird, und warum man, um ein Beispiel zu nennen, eigens Koks herstellen musste. Also Warum? Weil man herausfand, dass man mit normaler Kohle die Hochhöfen, in denen Erz und Metallreste zu flüssigem Stahl geschmolzen wird, mit Kohle nicht auf die Temperatur anheizen kann, die man für den Schmelzprozess benötigt.

In Völklingen setzte man diesen Prozess bereits in der Kaiserzeit um, dass dafür Koks, also komprimierte Kohle mit einem höheren Sauerstoffanteil notwendig ist. Einen grossen Teil des Geländes nehmen also die Produktions- und Förderanlagen für die Koksherstellung ein, welche unmittelbar neben den Hochhöfen platziert wurden.

 

Welterbe Völklinger Hütte by DC Loew
In der Möllerhalle

Reisen heißt lernen: Sinter, Möller und Gichtbühne.

Im Welterbe Völklinger Hütte lernt man neben neuen Worten auch deren Bedeutung: In der Sinteranlage befindet sich die Sinterhalle für den Sinter. Das Verb, um Sinter herzustellen ist, und manchmal ist die deutsche Sprache wirklich einfach: sintern. Sinter ist ein Gemisch aus Staub, Feinerzen, welches zu Klumpen gebacken wird, diese kommen in den Hochofen und werden Teil des Stahlerzeugungsprozesses.

Ebenso interessant wie Sinter und sintern: Möller und möllern. Dies hat natürlich nichts mit dem Möller Andi zu tun, aber jetzt weiß man, woher der Name kommt und dass er nichts mit Müller und Müllern zu tun hat.

Die Möllerhalle ist ein Teil des Stahlwerks, hier wird Material für die Mischung des Möller gelagert, also Kalk, Erz, Stahlteile, Stahlschrott und der nebenan produzierte Sinter. Diese Mischung, Möller genannt, wir dann über einen gigantischen Lastenaufzug mittels Hängeloren nach oben an die vier Hochöfen gekarrt und dort in die Hochöfen gekippt.

 

Welterbe Völklinger Hütte by DC Loew
Oben an der Gichtbühne

Die Hochöfengruppe ist dann der bemerkenswerteste Teil des Welterbes Völklingen. Von jeweils drei bis zu vierzig Meter hohen Lufterhitzerkaminen (Winderhitzer genannt) flankiert, sind die 27 Meter hohen Hochhöfen der Ort, wo letztlich der Stahl erzeugt wurde. Es gibt sechs Hochöfen. Man kann über verwinkelte Eisenteppen und Aufgänge auf die sogenannte Gichtplattform gelangen, dies war die Arbeitsbühne, von welcher die Hochöfen befüllt wurden. Man bekommt einen malerischen Stahlhelm mit, denn hier ist Schutzhelm Pflicht, nicht ohne Grund! Denn: Aufstiege und Treppen sind oft verbaut, da kommt man schon mal öfters in Kontakt mit den Stahlwänden des Welterbes, und besonders euer Kopf ist dankbar für den Helm. Aus Marketingsicht finde ich außerdem, dass es ziemlich cool ist, die Besucher mit Schutzhelmen zu versehen, das macht das Erlebnis Völklinger Hütte noch um einiges authentischer und greifbarer.

Von der mehr als 200 Meter langen Gichtplattform bzw. den Spitzen der Winderhitzer hat man einen großartigen Blick über das Stahlwerk und die Stadt Völklingen, sowie auf das angrenzende Gelände der Saarstahl AG, wo auch heute noch Stahl produziert und verarbeitet wird.

 

Welterbe Völklinger Hütte by DC Loew
Blick über Völklingen

Und wenn man die sieben Kilometer lange Tour durch den Stahlkoloss geschafft hat, wird einem vielleicht klar, warum auch Relikte der Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts ein veritables Welterbe werden. Die Begründung der UNESCO liest sich an dieser Stelle sehr gut:

Die Authentizität ihrer technischen Einrichtungen macht die Hütte zu einem einzigartigen Denkmal der Industriegeschichte. Von den im 19. und 20. Jahrhundert in Westeuropa und Nordamerika errichteten Eisenhütten ist sie die einzige, die noch vollständig erhalten ist.

Welterbe Völklinger Hütte by DC Loew
Weltkulturerbe Völklinger Hütte by DC Loew

Insbesondere für Fotografen ist die Tour durch das Stahlwerk mehr als inspirierend: Die unzähligen Formen an Röhren, Metallsprossen, Eisenteilen, Schildern, Verteilerkästen, Kaminen, gigantischen Lagerhallen, Stahldächern, Verstrebungen, Licht- und Farbeffekten, wer hier keine Motive findet ist ein Hochzeitsfotograf.

Mehr als 300.000 Menschen besuchen jedes Jahr die Völklinger Hütte und beweisen, wie wichtig der Status eines UNESCO Welterbes für den Tourismus einer Stadt oder Region ist – ich wäre nie nach Völklingen gefahren, ohne das Welterbe.

Wer an der Industriekultur Deutschlands interessiert ist, und Bergbau, Kohleabbau und Stahlerzeugung faszinierend findet, dem seien zwei weitere deutsche Weltkulturerben empfohlen. Zum einen natürlich die Zeche Zollverein in Essen, sowie das Bergwerk Rammelsberg in Goslar. Wirklich faszinierend die Beziehung zwischen Natur und Ressourcenabbau, Kapitalismus und Technikgeschichte, die Tradition von Bergbau, Kohle und Stahl im Wandel der Zeiten.

Anreise: Ab dem Rhein-Main Gebiet oder Süddeutschland: Per Auto ca. 1,5 Stunden bis 2 Stunden.

Nächstgelegener Flughafen: Saarbrücken, Inlandsflüge von Berlin Tegel und Hamburg. Für Flüge innerhalb Deutschlands liegen noch recht nah: Stuttgart, Frankfurt am Main.

Bahn: ICE Verbindungen nach Saarbrücken Hbf., von dort weiter mit Regionalzügen.

Eintrittskosten Völklinger Hütte: 15 Euro für Erwachsene.

Essen und Trinken: Es gibt zwei gastronomische Betriebe am Welterbe. Das Café/Restaurant neben dem Parkplatz ist super: Toller Kuchen, große Portionen. Es gibt auch Mittagessen und vegetarische Optionen. Unbezahlbar und gibt es deshalb kostenlos dazu: der lokale Dialekt.

Übernachten und Einkaufen: Was soll ich sagen. Das Tolle am Saarland ist ja, dass es direkt neben Frankreich liegt. Lothringen und der nächste Carrefour oder Hypermarché ist nur einen Katzensprung entfernt!

Hotelempfehlung: Novotel in Saint Avold, Lothringen.

Offizielle Webseite Weltkulturerbe Völklinger Hütte

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Dabei sein

DC Loew

DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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