Wien und die Popkultur: Alternative Sehenswürdigkeiten

Alternative Sehenswürdigkeiten in Wien – ein Streifzug durch die populäre Kultur einer grossartigen Stadt

 

Wien also. Eine der bedeutenden Kulturstädte Europas. Geschichtsträchtig bis zur Ermüdung, geschichtsversunken in einer ruhmreichen und manchmal nicht so ruhmreichen Vergangenheit, dennoch irgendwie unterschätzt und in der zweiten Reihe der klassischen Touristenmagneten wie London, Berlin, Paris, Rom. Aber das natürlich vollkommen zu Unrecht! Denn es gibt kaum eine charmantere, abwechslungsreichere und auch popkulturell gehaltvollere Stadt als Wien!

Denn Wien war – als Metropole des k.u.k. Reiches – einer der frühen Schmelztiegel dieses Kontinents. Welche Stadt kann schon von sich behaupten, Leute wie Mozart, Schubert, Salieri und Beethoven als Gastarbeiter in ihren Stadtmauern beherbergt zu haben? Ja, das war zu Zeiten, als Österreich noch eine Marine hatte und bis zum schwarzen Meer reichte. Aber genau von dieser sentimentalen Grandezza vergangener Tage lebt Wien auch heute noch ganz besonders.

Wien
Wien und die Popkultur – findet man hier wahrscheinlich nicht,,,

Natürlich kann man in Wien Tage mit dem Besuch der klassischen, durchaus bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten wie der Hofburg, Schloss Schönbrunn, dem Prater und dem Stephansdom verbringen. Die Museen der Stadt sind bedeutend, aber wer seine Zeit in Museen verbringen möchte, liest keine Reiseblogs.

Für mich als Reiseblogger, als Eroberer des Nutzlosen, Wanderer zwischen den Welten von Popkultur, Kunst, Kultur und geschichtlichem Tinnef ist ein alternatives Wien von Belang. Das Wien des John Irving, des populären Films, des Schani, des Wolferl und des Hansi Hölzl.

Zufälligerweise oder auch nicht, Wien in der Popkultur ist eine Melange aus Klischee und Wahrheit und Legende und überspitzter Betrachtung, mit anderen Worten: Nichts als die reine Wahrheit. Wien ist für mich die Stadt der Künstler, der Hallodris, der Zuwanderer, Wanderer zwischen den Welten und der Musiker. Als Reiseblogger ist man eigentlich auch ein Erzeugnis von Popkultur, welches in einem der bekanntesten Wienfilme vorgelebt wurde, aber dazu später. Los geht’s mit den alternativen Wiener Sehenswürdigkeiten.

 

Zuhause beim Schani, dem Wolferl und dem Hansi

Johannes Strauss Junior, genannt Schani, lebte für einige Jahre in der Leopoldstadt in der Praterstrasse 54, hier schrieb er auch sein bekanntestes Werk „An der schönen blauen Donau“. Der Schani war ein Künstler und Lebenskünstler, ein früher Musikstar, ein Liebling der Massen, und das im 19. Jahrhundert. Johann Strauss Sohn ist ein gutes Beispiel für das Wienertum zwischen den Welten – der barocken Klassik und der Neuzeit. Er war der „Walzerkönig“, machte Tourneen bis in die USA, war einer der ersten internationalen Musikstars, und so schaut seine Wohnung auch aus. Schanis Wohnung kann besichtigt werden, und ist sicherlich ein wunderbares Beispiel für ein grossbürgerliches Wohnensemble der K.u.K. Zeit.

Wo ich schon bei Musikerwohnungen bin: Der bekannteste Nichtwiener, welcher aber dennoch immer als Wiener und sogar als Österreicher durchgeht, ist natürlich Wolfgang Amadeus Mozart.

Der ausgehende Barock im Übergang zu Renaissance und Aufklärung und französischer Revolution war eine wilde Zeit – ein Bürgertum erst im Entstehen, der Adel verkommen, dem Untergang geweiht und auf seinem kreativen Höhepunkt zugleich. Die Künstler, wie zu kaum einer anderen Epoche der Menschheit relativ frei unter Unfreien, und eine Art aussergesellschaftliche Avantgarde des entstehenden Bürgertums bei gleichzeitiger Negation aller Bürgerlichkeit. Klingt widersprüchlich? Ja, aber passt somit gut zur Epoche, dem fernen aber immer lauter vernehmbaren Anklingen der Aufklärung und zu einem Menschen und Künstler wie Mozart.

Denn der Künstler im ausgehenden 18. Jahrhundert war eine Art Narr des Adels, einerseits abhängig von dessen Gunst und Aufträgen und Geld und gleichzeitig frei von vielerlei gesellschaftlichen Restriktionen. Und im Falle des Mozart ein Topverdiener seiner Zeit. Wäre Mozart nicht ein Hallodri erster Güte gewesen, dem Spiel, dem Trank und allerlei Plaisir zugetan, wäre er letztlich nicht im Armengrab gelandet. Aber auch er Wanderer zwischen den Welten, Musiker und Spieler, Hallodri und Familienvater, Künstler und Vasall.

Wien
Wien und die Popkultur – am besten erst mal pausieren

 

Mozart – Ein Kind seiner Zeit

Die einzige erhaltene Wiener Wohnung des genialen Musikus, in welcher er von 1784 bis 1787 wohnte, ist in der Domgasse 5 in der Nähe des Stephansdoms zu finden. Mozarts Zuhause ist definitiv einen Besuch wert.

Wer einen Satz mit Mozart und Wien beginnt, der muss ihn mit Falco beenden. Bei unserer kleinen Tour durch die Lebensstationen Wiener Musiklegenden darf Johann „Hansi“ Hölzl, weltbekannt als Falco, und für mich der Inbegriff des lässigen Urwieners, auf keinen Fall fehlen. Der junge Hansi wuchs in Wiens 5. Bezirk auf, und ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Aber der 5. Bezirk findet sich relativ zentral, und es wurde dort sogar eine Gasse nach Johann Hölzl benannt, die Falcostiege. Sein altes Stammlokal sowie das Haus, wo er als Kind lange wohnte, gibt es ebenfalls noch zu sehen, mehr dazu lest ihr hier. Der Videoclip zu „Rock Me Amadeus“ wurde übrigens im Palais Schwarzenberg, einem Barockschloss im 3. Bezirk, gedreht.

Die vielleicht schönste Wiener Geschichte der Popkultur ist von einem US-Amerikaner geschrieben, von John Irving, in seinem wunderbaren Roman „Das Hotel New Hampshire“. Dieses Hotel stand nämlich in Wien, und nicht in den USA, wie man vielleicht annehmen könnte. Und sein historisches Vorbild steht noch heute, ist immer noch ein Hotel, aber ohne Bären, Prostituierte, Gewichtheber und Anarchisten, die die Wiener Oper während Donizettis Wahnsinnsarie in die Luft sprengen möchten. Es befindet sich in der Krugerstrasse 11 (welche bei Irving die um die Ecke liegende Kärtnerstrasse ist), unweit der Staatsoper.

 

Die traurige Geschichte vom Wunderteam und dem Papierenen

Fussball und seine Geschichte gehört neuerdings auch zur populären Kultur und ist nicht mehr nur spleenigen Fans vorbehalten. Auch in der Fussballgeschichte, und das ist so stimmig für das Österreich von heute, ironisiert man, mehr oder weniger sentimental-träumerisch, einer lange vergangenen Grösse hinterher. Die erste bedeutende professionelle Fussball-Liga ausserhalb Englands und Schottlands gab es, in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, in Österreich. Das Land hatte damals eine der stärksten Nationalmannschaften, der bekannteste Spieler der als „Wunderteam“ bekannten Truppe war Matthias Sindelar, genannt „der Papierene“. Das Wunderteam hätte 1934 Fussballweltmeister werden können, wäre die WM nicht so sehr arg österreichisch vorbereitet worden. Auf den Spuren von Matthias Sindelar durch Wien ist also ein weiterer alternativer Reisetipp, fernab von touristischer Hochkultur und Museumsführungen.

Die Familie Sindelar war eine Einwandererfamilie aus Böhmen, und bezog ihr erstes Quartier in der Quellenstrasse. Ich war noch nicht dort, die Gegend erscheint mir aber als sehr typischer und gleichzeitig touristisch unverbrauchter Wiener Kiez, und ist somit auch ein Reisetipp für mich selbst. Die Lebensgeschichte von Mathias Sindelar ist einzigartig und endet, ganz wienerisch, tragisch.

Unweit der Kärntnerstrasse befindet sich, im 1. Bezirk die Annagasse. In Haus Nummer 3 starb Mathias Sindelar 1938, kurz nach der Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich.

 

Die Blaupause eines Reisebloggers: Ethan Hawke in Before Sunrise

Ein popkultureller Streifzug durch die Hauptstadt Österreichs wäre nicht komplett ohne die Erwähnung meiner beiden liebsten Wienfilme. Es kann nur zwei Antworten geben für einen Hobby – Filmhistoriker: „The Third Man“ und „Before Sunrise“. „Der dritte Mann“ schliesst historisch – dramaturgisch unmittelbar an den Konsequenzen von 1938, siehe Mathias Sindelar, an. Der Film wurde 1946 in den Ruinen des zerstörten Wiens gedreht. Das sind ganz wunderbare filmische Sequenzen in kunstvoll ausgeleuchteten Schuttbergen. Die Drehorte in der Wiener Altstadt lassen sich auch heute noch sehr gut wiedererkennen.

Mehr im Heute, in Farbe und mit einem Blick auf das moderne Wien wurde „Before Sunrise“ an vielen Drehorten quer durch die Stadt gedreht. Der Film mit Ethan Hawke und Julie Delpy ist schon fast ein moderner Klassiker. Die Rolle des rucksackreisenden Twentysomething aus den USA, welcher im Zug nach Wien Julie Delpy trifft, ist so etwas wie die Blaupause für den ungebundenen Traveller, Backpacker, digitalen Nomaden (ich weiss, gab es 1995 noch nicht) vielleicht sogar Reiseblogger.

Und so schliesst sich der Kreis: Die alternativen Sehenswürdigkeiten Wiens, für Wanderer zwischen den Welten in einer Stadt, die immer zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszilliert. Wien leuchtet!

  • Reisetipp für Stadtrundfahrten und Führungen durch Wien: https://www.viennasightseeing.at/
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DC Loew

DC Loew ist Reiseblogger auf planetenreiter.de und berichtet von seinen Reisen im Speziellen, über das Leben und das Reisen im Allgemeinen sowie über Afrika, Lateinamerika, Safari, UNESCO Welterbestätten und naturnahes und individuelles Reisen im Besonderen. Zudem fotografiert er gerne und liebt die Exotik: Ob Offenbach oder die Osterinsel - los gehts!
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